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Von Udo Bonnekoh

Neulich ist er in Köln gewesen, hat sich ins Müngersdorfer Stadion gesetzt, sehr freundlich begrüßt von seinen Nachbarn auf den besseren Plätzen in der Arena auf der anderen Rheinseite. Und er sah aus wie viele Ex-Profis, die sich mal aus reinem Interesse ein Spiel eines anderen Bundesligisten anschauen, in aller Entspanntheit, versteht sich, ohne Emotion und wie stets locker gekleidet in lässigem Stil. Doch Bernd Schneider war diesmal zur Partie des Eff-Cee gegen die Schwaben aus Stuttgart gekommen in zumindest halb-offizieller Mission. Ein mittelgroßes schwarzes Heft, in Leder gebunden auf den ersten Blick, wies „Schnix“, eingerahmt vom mäßig bekannnten DFB-Junioren-Trainer Bernd Stöber und Leverkusens „Spion“ Thomas Hörster, als Emissär mit besonderem Auftrag aus. Augen auf, genau hinschauen bitte, Auffälliges festhalten zur Weitergabe.

„Der Bernd“, klärte Bayers Altprofi Hörster auf, „gehört im Moment zu unserer Abteilung.“ Das heißt: Spiele- und Spielerbeobachtung, schriftlicher Bericht für aktuelle und spätere Verwendung inklusive. Dem 36-jährigen Thüringer hat das gefallen, weil es ja nicht so weit weg ist von praktischer Arbeit wie ein womöglich langweiligerer Job in der staubtrockenen Administration. „Das mit dem Büro“, sagt Schneider, „kommt erst später dran in der Planung.“

„Schnix“ bringt also erst mal einen Suchlauf mit vielen Station in der und rund um die BayArena hinter sich, eine kleine Rallye mit dem Ziel, das zu finden, was ihn ausfüllen wird im langen Abschnitt nach einer erfüllten Karriere. Trainer vielleicht? Oder Manager? Oder Talentschulung in einem Kinder- und Jugendprojekt? „Da gibt es einige Optionen. Ich muss das herausfinden, was mir am meisten Freude bereitet, wo ich mich verwirklichen kann“, betont er.

Viel Spaß hat dem geerdeten Thüringer in den vielen Jahren in der Bundesliga und bei der Nationalelf der Umgang mit den Journalisten nicht gemacht, auch weil er sich nie hat vereinnahmen lassen wollen von den Medien. Bei aller Vertraulichkeit hat Schnix noch auf Distanz geachtet. Und Loyalität gegenüber Chefs und Mitspielern war ihm wichtig, bis hin zur Selbstverleugnung. Mit prompten Kontern, wahlweise knochentrocken vorgetragen oder unterlegt mit bissiger Ironie freilich mussten diejenigen aus der großen Medienschar rechnen, die bei ihren Fragen und Einlassungen nach Schneiders Auffassung nicht die nötige Sachkenntnis erkennen ließen.

Freude aber hat der Vize-Weltmeister von 2002 schon gehabt im ersten Teil seines Praktikums bei Bayer 04, im Trainingsbetrieb bei der U 17 mit deren Coach Jörg Bittner. Mit diesen veranlagten Burschen hat er beim Übungsbetrieb erst mal nach Herzenslust gekickt, im so genannten Kreis etwa, in dem Rumpelfüßler schlecht dran sind. „Die Jungs waren ganz begeistert von Bernd, von seiner Technik, seinem Witz, von seiner Fähigkeit, etwas von seiner Erfahrung an die Talente weiter zu geben und auch von seinem Auftreten. Er gibt sich unfassbar normal“, sagt Bittner.

Unfassbar normal - das ist so etwas wie ein Credo Schneiders gewesen in der Laufbahn als gewiefter Bundesligaspieler, als hoch geachteter Nationalspieler und von den Fans deshalb verehrter Star, und dieses Markenzeichen wird er auch bei der angestrebten zweiten Karriere penibel pflegen. Er war noch nie einer für die Bunte-Blätter-Welt, keiner für die Homestorys, keiner, der sich womöglich ablichten lässt mit der Familie im Urlaub auf Sardinien in diesen sündhaft teuren Hotels, in denen andere deutsche oder italienische Nationalspieler gern Ferien machen. „Da muss man sich doch dauernd umziehen, da kann ich nicht in Badeshorts auf der Terrasse sitzen“, klärt „Schnix“ auf. Deshalb hat er es auch bei einem einzigen Versuch belassen. Auch darin ist er unfassbar normal.

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